In welchem Stil werden die Piraten in Mitte darueber diskutieren, ob sie den Gruenen bei ihrem Streich, Bezirksbuergermeister Hanke zu entthronen, per Zaehlgemeinschaft behiflich sein wollen oder nicht? Wollte ich wissen. Und da die Crew Mitte im Ortsteil Wedding einlaeuft und sich damit in meinem Bloggebiet versammelt, bin ich mal hingegangen.
Aber als jemand, der zwar parteienverdrossen aber nicht politikverdrossen ist, muss ich bei den Piraten eine Menge lernen. Als erstes: Sachfragen, die in der Buergermeisterpersonalie sich zuspitzen, werden nicht diskutiert. Transparenz der Entscheidung genuegt.
In Brandenburg gewinnen ja in vielen Gemeinden immer oefter parteilose Leute den Buergermeisterposten, weil die Buerger Parteien doof finden. Im Moloch Berlin braucht es fuer dieses Phaenomen gleich eine ganze Bewegung: die Piraten.
Ich habe ja schon ein wenig ueber Parteien gelernt. So war ich einmal bei einer Moabiter Versammlung der FDP dabei – und weil ich irrtuemlicherweise dachte, die sei nicht oeffentlich, hatte ich vorher ein Parteibuch gekauft. Ich traf einen 90jaehrigen, der unaufhoerlich von der Westtangente (das war wohl ein Projekt aus den 70ern) sprach, aber dem niemand zuhoerte. Ein paar Biertrinker, die komisch guckten. Ein paar Lehrer und Richter, die mir versicherten, im Herzen sozialliberal zu sein. Und einen Polen, der der Vorsitzende war und nie wieder Sozialismus wollte. Steuerberater und Zahnaerzte waren nicht anwesend und ich lernte, dass Klischees nur im Allgemeinen zutreffen, aber nicht im Einzelfall.
Spaeter war ich einmal bei den Gruenen im Prenzlauer Berg. Die hatten jede Woche einen Gast und diskutierten. Denn die eine Haelfte der Leute war alternativ eingestellt, die andere Haelfte der Anwesenden trug Anzuege. Da habe ich gelernt, dass es durchaus darauf ankommt, mitzumachen; sonst gewinnen die anderen.
Nun also die Piraten. Sind die ueberhaupt eine Partei? Oder stehen sie wie der parteilose Kandidat in Brandenburg neben den Parteien? Was lerne ich diesmal (nach einem einzelnen Abend), abgesehen von der Neuschoepfung piratige Politik?
Der erste Eindruck ist, die Piraten sind links, denn ihr Lieblingsgegner scheint die SPD zu sein. Oder sind sie konservativ, da Hierachien doch irgendwie wichtig zu sein scheinen (Landespiraten wurden bei der Bitte ums Wort nicht ein einziges Mal uebersehen)? Oder sind sie alternativ, da sie geradezu berauscht von dem Gedanken wirken, das jetzt alles ganz anders wird, weil sie im Handgebaeck immer ein Mikrofon dabei haben? Oder sind sie doch sehr mittig, da sie Protokoll und (manchmal ueber-)effektive Diskussionsleitung doch sehr schaetzen?
Nun gut, diese Frage wird irgendwann einmal beantwortbar sein, naemlich dann, wenn es sich nicht mehr umschiffen laesst, ueber Inhalte zu reden. Dann wird die Aufmerksamkeit von Stilfragen von ganz allein abgelenkt.
Im Moment sind noch Strukturen alles. Mailingliste, Pad und Wiki sind das Entscheidende (was war noch mal Liquid Software?). (Eventuell sollten die Piraten zukuenftig auch Offline-Tugenden wie Puenktlichkeit zum Markenkern hinzukapern.) Wer ueber Hundeauslaufgebiete reden will, wird wohl vorerst Geduld mitbringen muessen. Auch die Frage des Bezirksausschusses an die Piraten, ob im Tiergarten Baeume gefaellt werden sollen, trifft auf Orientierungslosigkeit der Runde.
Irgendwie erinnert mich der Abend an die Sitzungen der Fachschaften an der Uni. Wenn damals jemand gekommen waere und haette gesagt, ab heute sitzt ihr in der Bezirksversammlung, haetten wir wahrscheinlich ein solches Bild wie die hier eingetroffenen Piraten abgegeben. Und Aussenstehende haetten sagen koennen, wer von uns mit diesem Verantwortungssprung wachsen wuerde und fuer wen das alles ein zu grosses Spiel werden wird. So sitze ich da und spekuliere ueber die Zukunft der Crew.
Aber die Wahlperiode hat gerade angefangen, es bleibt noch viel Zeit. Ich kann noch lernen, dass es ein Fehler war zu denken, dass erst der Inhalt kaeme und dann die Fragen der Organisation. In zehn Jahren werde ich sehen, ob das Thema Transparenz doch schon Inhalt genug ist.
Bis dahin bleibt alles Risiko. Wer das nicht scheut, hat schon fast alles, was er braucht, um ebenfalls Pirat zu werden – oder zumindest vorbeizuschauen. Naechster Montag, Wiclefstr. 16/17, 20.00 Uhr.